Im Sommersemester 2010 findet am Institut für Germanistik der JLU im Bachelorstudiengang (Schwerpunkt Sprache) ein Lehrprojekt Sprachkontakt in multiethnischen Gesellschaften. Die deutsche Sprache im Baltikum statt. Das Lehrprojekt wird vom DAAD mit einer Gastdozentur für Dr. Ineta Balode (Riga) gefördert.
Die Länder der baltischen Region waren nie und sind auch heute keine homogenen Nationalstaaten mit homogenen Nationalgesellschaften und einer homogenen Nationalkultur. Sie waren und sind, sei es als Bestandteile des zaristischen, später des sowjetischen Imperiums, sei es als selbstständige politische Einheiten, stets multiethnisch, multikulturell und multilingual. Die Geschichte des Baltikums steht in dieser Hinsicht exemplarisch für die komplexe, konfliktträchtige, aber auch kulturelle Transfers stimulierende ethnisch-kulturell-sprachliche Gemengelage Ostmitteleuropas.
Die Geschichte der Deutschen und des Deutschen im Baltikum nimmt (bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs) in diesem Gesamtbild einen prominenten Platz ein. Das Deutsche als Idiom der deutschstämmigen aristokratischen Grundbesitzer, der seit dem Mittelalter zugewanderten städtischen Kaufleute, der Handwerker und Gewerbetreibenden, vor allem aber auch der ungemein einflussreichen Bildungsschicht der Pastoren und Schulmänner (der sogenannten „Literaten“) war kulturelle Brücke zwischen den genannten Gruppen und der indigenen bäuerlichen Bevölkerung. Das Deutsche spielte, auf den ersten Blick paradox, als sprachliches Medium sogar eine wichtige Rolle im Selbstverständigungsprozess der baltischen Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert.
Das Lehrprojekt möchte, in kritischer Haltung gegen alte Klischees von der „Rolle der Deutschen als Kulturträger im Osten“, anhand des lettischen und estnischen Beispiels in die Vielfalt der Sprach- und Kulturbeziehungen in dieser Region einführen und insbesondere die Rolle des Deutschen in dieser Konstellation beleuchten. Der exemplarische Blick soll vor Augen führen, dass ein Zusammenfallen von Staat, Staatsnation, Nationalkultur und Nationalsprache im welthistorischen Maßstab eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Das Projekt umfasst eine Vorlesung, einen Handschriftenkurs und zwei Seminare. Den Kern des Projekts bilden private Aufzeichnungen aus dem Bestand des Historischen Archivs Lettland und des Herder-Instituts Marburg.
gefördert durch ein Forschungsstipendium der DFG
1.11.2005–31.3.2007
Das Projekt widmete sich der Herausbildung der basalen Schreibprinzipien, die im 16. Jh. die Spezifik der deutschen Orthographie begründet haben. Im Fokus stand die suprasegmentale Bearbeitung geschriebener Wörter. Analysiert wurde das Aufkommen und die Ausbreitung der Notierung struktureller Worteinheiten: a) Buchstabenkombinationen in Anfangs- und Endrand, b) Morpheme und c) Silben.
Als Bedingung der Möglichkeit, neue Schreibungen zu erzeugen, konnte ein stilistisches Alternanzgebot ausgemacht werden. Ohne diese Lizenz zur Innovation wäre die grundlegende Veränderung historischer Wortschreibungen nicht möglich gewesen. Das hohe Ausmaß an Varianz im 16. Jh. ist somit nicht auf Unsicherheiten bei der Kodierung gesprochener Sprache zurückzuführen. Es ist Ausdruck der Weiterbearbeitung schriftlicher Wortkörper und berücksichtigt gezielt Dekodierungsaspekte.
Das Varianzgebot unterlag jedoch im Laufe des 16. Jh.s vermehrt Beschränkungen. Setzer verzichteten zunächst auf doublette Typen, Abbreviaturen und Extensionen zum Zeilenausgleich, und das Ausmaß der Varianz wurde somit – als Nebeneffekt des Modernisierungsschubs im Druckhandwerk – verringert. In dem Moment, wo innovative Alternierungsmittel wie <gk> und <dt> in Schreibungen wie Burgk oder Landt als Hilfsmittel eines schlechten Handwerkers interpretiert wurden, waren die Voraussetzungen für ein ortho(typo)graphisches Normbewusstsein geschaffen. Drucktechnische Zwänge dämmten die ästhetische Variantenvielfalt seit 1530 entscheidend ein. Die Diskreditierung und Vermeidung all jener Schreibungen, die als Mittel des Zeilenausgleichs galten, brachte auch andere Formen ästhetischer Varianz in Misskredit. So tritt eine unterschiedlich abstufende Bewertung von Varianz zutage, die direkte Folgen für die Etablierung der Schreibprinzipien zeitigte: Graphotaktische Varianz geriet früh ins Sperrfeuer der Kritik, und innovative graphotaktische Schreibungen wurden schnell und vergleichsweise radikal eliminiert. Lediglich in einzelnen Wörtern konnten sich die Neuerungen langfristig halten, z.B. wenn sie Bestandteil einer Differenzierungsschreibung wurden (Städte vs. Stätte). Die neuen silbischen und morphologischen Schreibungen wurden dagegen als Ausweis professionellen Fachwissens interpretiert und konnten sich weiter ausbreiten. Die grammatikalische Bearbeitung der Wörter wurde zum Kompetenzausweis des guten Handwerkers. Sowohl die morphologische als auch die silbische Segmentierung sind rezipientenorientiert. Beide unterstützen die Dekodierung, sei es durch Grenzmarkierungen oder durch Informationen auf semantischer Ebene (z.B. Desambiguierung). Doch der Abbau von Varianz und der Beginn eines ortho(typo)graphischen Bewusstseins seit 1530 blieb auch für diese Schreibprinzipien nicht folgenlos: Langfristig führte das neue Bewusstsein zur Vorherrschaft des morphologischen Prinzips.
Das 16. Jh. hat sich als entscheidender Zeitraum für die Orthographieentwicklung
erwiesen, dessen Spezifik in der Verschränkung von Innovation und
Selektion, von Variantenausbau und Variantenabbau liegt. Dreh- und Angelpunkt
der Entwicklung war die Professionalisierung, die im Fall der graphotaktischen
Schreibungen aus drucktechnischen Gründen den Variantenabbau erzwang,
für die silbischen und morphologischen Schreibungen aber andererseits
den Durchbruch bedeutete. Der Rückgang der graphotaktischen Schreibungen
bildete teilweise sogar erst die Voraussetzung für die Etablierung
des silbischen und des morphologischen Schreibprinzips. Die Professionalisierung
unterstützte aber auch aus einem anderen Grund deren Etablierung:
Die rezipientenfreundliche, an der Dekodierung orientierte silbische und
morphologische Segmentierung wurde im Setzerhandwerk zum Ausweis von Fachwissen.
Die untersuchten Innovationsschritte auf der Basis der Druckentwicklung
fügen sich zu einem Pfad zusammen, der zur Herausbildung der neuhochdeutschen
Schreibprinzipien geführt hat.